Der Andere

Marktzeit in der Stadtkirche St. Marien in Celle am 20. Juni 2015

DER ANDERE             

Joh. Seb. Bach (1685-1750) Toccata d-moll BW 565
Texte/Gedanken
Barbara Dennerlein (*1964) Spiritual movement
Texte/Gedanken
David Timm * 1969) d-m-swing
Holger Brandt, Orgel
Dietmar Herbst, Texte

I

Seien  Sie ganz herzlich willkommen zur Mittagspause hier in der Stadtkirche St. Marien in Celle, zu einer halben Stunde Innehalten, Hören und Nach-denken.

Ich möchte mit Ihnen einen Augenblick über DEN ANDEREN nachdenken und tue dies in Anlehnung an Gedanken von Ryszard  Kapuscinski. Er war Reisender, Journalist und Publizist und schrieb beeindruckende Bücher über seine Reisen in Krisengebiete der Welt.

2004 hielt er in Wien eine Reihe von Vorlesungen zu seinem großen Thema die Begegnung mit dem Anderen.

Die Musikauswahl von Holger Brandt passt sehr gut zu diesem Thema. Die eben gehörte Toccata von Johan Sebastian Bach passt zu unserer Barockorgel. Die Musik von Barbara Dennerlein und David Timm hingegen gehören schon zu „dem Anderen“.

„Die meisten Menschen – so Kapuschinsk vor 11 Jahren – „interessieren sich kaum für die Welt. Die Geschichte kennt Zivilisationen, die keinerlei Interesse für die Welt ringsum aufbrachten.“

Als Beispiel nennt er die Afrikaner, die nie Schiffe gebaut haben, um über die Meere zu segeln und zu sehen, was sich jenseits des Meeres befindet.

Und er verweist auf China, das sich mittels einer großen Mauer von der übrigen Welt abgrenzte.

Die berittenen Imperien eroberten zwar die Welt, jedoch nicht mit dem Ziel, fremde Völker kennenzulernen, sondern sie zu unterjochen.

Europa, meint Kapuscinski, sei eine Ausnahme. Seit seinen griechischen Anfängen waren die Menschen neugierig auf die Welt und hatten den Wunsch, sie nicht nur zu beherrschen und zu dominieren, sondern sie auch kennenzulernen, und sie im besten Falle nicht nur kennenzulernen, sondern auch zu verstehen, sich ihr zu nähern, eine menschliche Gemeinschaft herzustellen.

Natürlich weiß Kapuscinski, dass die Begegnungen der Europäer mit Nichteuropäern  oftmals sehr gewaltsame und blutige Formen annahmen.

Seine Leitfigur bleibt jedoch der Grieche Herodot, der es abgelehnt hat, sich von den Anderen abzugrenzen, ihnen das Tor vor der Nase zuzuschlagen. Die Xenophobie, die Angst vor dem und den Fremden ist –  so Herodot – eine Krankheit der Ängstlichen, eine Krankheit von Menschen, die an Minderwertigkeitskomplexen leiden, die vor dem Gedanken zurück- schrecken, dass sie sich im Spiegel der Kultur der Anderen betrachten müssen.

„Fünf Jahrhunderte lang dominierte Europa die Welt. Es dominierte politisch und wirtschaftlich, aber auch kulturell. Es zwang anderen seinen Glauben auf, setzte Gesetze fest, Wertskalen, Verhaltensregeln, Sprachen.“

Noch immer ist unser Denken eurozentristisch.

„Durch viele Jahrhunderte waren unsere Beziehungen zu den Anderen  asymmetrisch, autoritativ, apodiktisch (unbestreitbar), paternalistisch (bevormundend).

Durch die Neugier und den Verzicht auf diese Bevormundung wurde und wird unsere Welt zu einem offenen, jedenfalls potentiell offenen Raum. Ich glaube, dass sich das entscheidend auf das weitere Schicksal der Menschheit auswirken wird, zumindest in den kommenden Jahrzehnten. Vor allem stellt es unsere Beziehungen zu den Anderen in einen neuen Kontext.

Erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts setzte  der Prozess der Entkolonialisierung ein, in dessen Verlauf zwei Drittel der Menschheit, zumindest nominell, den Status freier Bürger und Bürgerinnen erlangten, die sich ihrer Wurzeln und ihrer Kultur neu bewusst werden konnten.

Europa erstarrt in seinem Eurozentrismus, scheint nicht zu bemerken (vielleicht will es das auch gar nicht), dass überall unterschiedliche, nichteuropäische Zivilisationen an Bedeutung, Dynamik und Energie gewinnen und immer nachdrücklicher und energischer einen Platz am Tisch der Welt fordern.

Das stellt eine große Herausforderung für Europa dar. Es muss für uns ist das eine große Herausforderung: wir müssen den Platz am Tisch teilen und uns neu platzieren.“

II

1990 geht der Kalte Krieg zu Ende, endet die Teilung der Welt in zwei gegensätzliche Blöcke, entsteht eine neue Welt, offener, mobiler und vielfältiger als je zuvor. Daraus entstehen viele Chancen und Möglichkeiten.

Vor allem aber rückt der einzelne Mensch in den Blick, sein Recht auf Existenz und Artikulation. Werte wie Identität, Achtung, Wahrnehmung und Wertschätzung des Nächsten – des Anderen gewinnen an Bedeutung.

Ich beziehe das ganz konkret auf unser  Europa, auf unser Land und unsere Stadt – und in der aktuellen Situation auf unseren Umgang mit den Flüchtlingen und den Asylsuchenden, die bei uns Schutz – auch Lebensperpektiven – suchen..

Kapuscinski nennt das „einen Akt der christlichen Hingabe, der Hingabe, der Entsagung und der Demut“.

Wir könnten uns hinter Mauern verschanzen – aber wir können auch den Dialog aufnehmen und die Begegnung wagen.

„Wir alle  sind an allen Orten Andere gegenüber den Anderen – ich gegenüber ihnen, sie mir gegenüber“.

Sind wir in der eigenen Kultur verwurzelt und unserer Eigenheit, unserer Identität bewusst, haben wir gute Voraussetzungen für die Entwicklung unserer Dialogfähigkeit und zur Gestaltung eines friedlichen Zusammenlebens.

Kapuczinki formuliert das so:

„Jedenfalls ist die Welt, auf die wir zusteuern, eine Erde der großen Chance,… die sich nur denen bietet, die ihre Aufgaben ernst nehmen, was sie dadurch beweisen können, dass sie sich selbst ernst nehmen. Es ist eine Welt, die potenziell viel zu geben vermag, aber auch viel von uns verlangt, eine Welt, in der sich bequeme Abkürzungen oft als Sackgassen erweisen.

Wir werden in dieser Welt ständig einem neuen Anderen begegnen, der langsam aus dem Chaos und der Verwirrung der Gegenwart auftaucht. Vielleicht entsteht dieser Andere aus dem Aufeinandertreffen zweier gegensätzlicher Strömungen, die heute die Kultur der Welt prägen – (nämlich) der Globalisierung der Wirklichkeit und der Strömung, … der Bewahrung unserer Verschiedenartigkeit, unserer Unterschiede, unserer Einmaligkeiten. …. Die Erfahrungen meines langjährigen Lebens unter fernen Anderen haben mich gelehrt, dass die freundliche Haltung gegenüber dem Anderen die einzige Möglichkeit ist, in ihm die Saiten des Menschen zum Klingen zu bringen.“

Wer wird dieser neue Andere sein? Wie werden unsere Begegnungen  verlaufen? Was werden wir einander sagen? In welcher Sprache? Werden wir imstande sein, einander zuzuhören? Uns zu verständigen?

Und: Auf was werden wir uns gemeinsam berufen? Was werden wir gemeinsam entwickeln

Ich danke für Ihr Zuhören und  Mitdenken!

Gehen Sie gesegnet in das Wochenende mit dem Wunsch, die freundliche Haltung gegenüber dem Anderen leben zu können.