Barmherzigkeit

Von der Barmherzigkeit

Marktzeit in der Stadtkirche St. Marien in Celle am 2. September 2016

I

Ich begrüße Sie ganz herzlich hier in der Kirche Sankt Marien in Celle zur Marktzeit: zu einer halben Stunde Innehalten, Hören und Nachdenken. Ich bin Dietmar Herbst,  Glied dieser Kirchengemeinde und lade Sie heute ein zum gemeinsamen Nachdenken über die Barmherzigkeit.

An der Orgel spielt heute Hans Christian Martin aus Weimar. Er lädt uns heute unter anderem zu einer musikalischen Meditation des heutigen Themas ein. Ich freue mich darauf.

Über fünfzig Mal ist im Neuen Testament von Barmherzigkeit die Rede: als einer Eigenschaft Gottes und als Haltung von Menschen  – oder als Gebot, Fremden, Witwen und Waisen zu helfen.

Jesus spricht die Barmherzigen selig. Geber und Empfänger von Barmherzigkeit sind verbunden in der Gewissheit, Gottes Kinder zu sein.

Das vergangene Jahr wurde von Papst Franziskus zum Jahr der Barmherzigkeit erklärt. In seinem Buch „Der Name Gottes ist Barmherzigkeit“ wendet sich der Papst auch gegen Selbstgerechtigkeit, Korruption, Anmaßung und Scheinheiligkeit. Und er schreibt: „Die Kirche ist  in der Welt, um die Begegnung mit dieser ursprünglichen Liebe zu ermöglichen, die die Barmherzigkeit Gottes ist.“.

1987, in der Zeit von Glasnost und Perestroika in der Sowjetunion, schrieb der russische Philosoph Daniil Granin einen Essay „Über Barmherzigkeit“. Für ihn besteht Moral aus Konkretem, aus Gefühlen, Eigenschaften und Begriffen. Eines dieser Gefühle ist die Barmherzigkeit. Und er stellt dar, wie der Begriff Barmherzigkeit in der Sowjetunion systematisch verdrängt wurde.

Barmherzigkeit sei ein altmodischer Begriff. – schreibt er – „und heute unpopulär und durch unser Leben gewaltsam abgetrennt. Sie ist nicht zufällig abhanden gekommen. Zu Zeiten der Entkulakisierung, der Vernichtung des Großbauerntums und der massenhaften Repressionen, war es den Menschen nicht gestattet, den Nächsten, den Nachbarn und den Familien der Betroffenen zu helfen. Es war nicht erlaubt, die Kinder der Verhafteten und Verbannten bei sich aufzunehmen. Die Menschen wurden gezwungen, die harten Gerichtsurteile zu billigen. Sogar das Mitgefühl für unschuldig Verhaftete war verboten. Gefühle wie Barmherzigkeit galten als verdächtig, sogar kriminell: Das sei doch apolitisch, nicht klassenmäßig. In Zeiten des Kampfes störe und entwaffne einen das nur.“  Soweit Granin.

Barmherzigkeit hätte tatsächlich die Gesetzlosigkeit und die Brutalität der Machthaber stören können, das willkürliche Einsperren, das Denunzieren, das Morden und Vernichten.

So ist auch in den 30er und 40er Jahren das Wort aus dem Lexikon, aus dem Wortschatz verschwunden. Mitleid wurde den Gestrauchelten im Verborgenen und unter Risiko erwiesen.

So durfte auch nicht von den Leiden und Qualen in der belagerten Stadt Leningrad gesprochen werden, sondern nur von dem heroischen antifaschistischen Kampf.   –

Ganz anders die Geschichten in der Bibel. Sie erinnern sich sicher an das Gleichnis vom Barmherzigen Samariter.

Zwischen Jericho und Jerusalem war jemand unter die Räuber gefallen. Ein Priester kam vorbei und ein Levit. Sie schauten weg. Aber ein Samariter (für Juden ein Ketzer) erbarmte sich, versorgte die Wunden, brachte den Mann in ein Gasthaus und bezahlte die Pflegekosten. Dem Barmherzigen geht die Not des Elenden zu Herzen, er fragt nicht viel, er handelt und hilft.

Wir sind aufgefordert, in der Nachfolge dieses barmherzigen Helfers zu leben.

II

Was wir den Migranten schulden und was nicht“ ist ein sehr bemerkenswerter Aufsatz des Theologen, Politikers und Philosophen Richard Schröder. Auch hier geht es um Barmherzigkeit.

Er unterscheidet zwischen Flüchtlingen, die einer Gefahr für Leib und Leben oder einer schwerwiegenden Beeinträchtigung ihrer Menschenwürde entronnen sind und zunächst Bleiberecht für die Dauer der Gefahr erhalten, und Einwanderern, die ihre Heimat dauerhaft oder auf Zeit verlassen, um anderswo bessere Lebenschancen zu finden. Und er sagt:

„Flüchtlingen schützenden Aufenthalt zu gewähren ist eine Forderung der Humanität. Barmherzigkeit darf auch etwas kosten, oder: Es muss sich nicht lohnen.“

Barmherzigkeit gilt ihm als Tugend oder Verhaltensweise, die ihren Ort in der Nahbeziehung hat. Davon kann es nie genug geben.

Der Barmherzigkeit stellt er die Gerechtigkeit zur Seite, die Tugend, Gleiches gleich zu behandeln und zwar nach festen Regeln.

Und dann kommt er zu einer beachtenswerten Schlussfolgerung:

„Barmherzig zu sein, ist gelegentlich einfacher, als gerecht zu sein. Wäre der barmherzige Samariter auf mehrere Elende gestoßen, wäre er mit dem Gerechtigkeitsproblem konfrontiert worden, wen er mitnehmen kann und wen er zurücklassen muss, da er nur ein Reittier hatte. Gerechtigkeitsprobleme entstehen immer unter Bedingungen der Knappheit. Wo sie auftreten, lassen sich nie alle Erwartungen erfüllen. Das ist unangenehm, und deshalb ist die Perspektive der Barmherzigkeit beliebter als die Gerechtigkeit.                              Schröder fährt fort:

Einzelne können barmherzig sein, auch Institutionen, die sich der Barmherzigkeit verschrieben haben. Der Staat aber darf nicht barmherzig sein, weil er gerecht sein muss. Er muss nach Regeln verfahren und die Folgen bedenken. Wenn er Ausnahmen machte, wäre er korrupt. Denn Korruption ist ja nichts anderes als die vorteilhafte Ausnahme für wenige auf Kosten der Allgemeinheit. Daraus folgt: Bei jeder Regelung der Migration, die Gerechtigkeit anstrebt, wird es immer auch Härten, Enttäuschungen und unerfüllte Erwartungen geben.“   Zit. Ende

Diese Gegenüberstellung von Barmherzigkeit und Gerechtigkeit treibt mich um.

Ich fange an, dass Gleichnis vom barmherzigen Samariter neu zu sehen. Ich erlebe in dieser Stadt und in diesem Land ein hohes Maß an bürgerschaftlichem Engagement, an Barmherzigkeit.

Davon kann es nie genug geben, sagt Richard Schröder und ergänzt:

Es wäre viel gewonnen, wenn Barmherzigkeit und Gerechtigkeit sich angemessen ergänzten und begrenzten.

Das zu lernen, scheint mir eine Herausforderung unserer Gegenwart zu sein.

In diesem Sinn wünsche ich Ihnen ein gesegnetes Wochenende und viel Mut für Barmherzigkeit und Kraft für Gerechtigkeit.